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Nachkriegsschlager
Viel zu fühlen, viel zu tun

 

Fernweh, Heimweh, Wirtschaftswunder im deutschen Nachkriegsschlager

Fernweh und Exotik mit Rudi Schuricke und den "Capri-Fischern", trotziger Spaß von Theo Lingen, Heimweh und Heimatverklärung wie in Friedel Henschs "Die Försterliesel". Das sind die Themen des Deutschen Schlagers zwischen dem Ende des 2. Weltkrieges und dem Jahr 1960. Den Rock'n'Roll nicht zu vergessen!

Viel zu lachen gibt es nicht im zertrümmerten Deutschland 1945. So formuliert der erste deutsche Hit einen Gedanken, der zu einem Leitmotiv des Nachkriegsschlagers werden soll: Woanders ist es schöner. Besonders prominent und längst zu einem Evergreen geworden sind die "Capri-Fischer". Rudi Schuricke trällert bereits im Jahr eins nach Kriegsende seine Ode an die im Meer versinkende Sonne samt der "Bella Marie".

Überhaupt, Italien: Zuerst unerreichbarer Traum, seit dem Wirtschaftswunder faktisches Ferienziel, wird das Land unverdrossen besungen: "Komm ein bißchen mit nach Italien" fordern Peter Alexander und Caterina Valente 1956, und drei Jahre später legt der große österreichische Entertainer Peter Alexander mit "Mandolinen und Mondschein" nach. Die Sehnsucht nach Ferne überspringt dabei auch gerne ein paar Längengrade mehr: "Ananas aus Caracas" liebt Vico Torriani 1958.

Feinde werden zu Verbündeten

Mit einer gelegentlich abstrusen Mischung aus Hillbilly und Westernmelodie betrachtet Bruce Low in "Leise rauscht der Missouri" die Natur. Indessen nimmt Vera Volnar im selben Jahr 1950 leicht neckischen Kontakt zur Siegermacht auf, und zwar mit "Wenn ich will, stiehlt der Bill für mich Pferde". Doch "weg von hier" ist nicht der einzige Wunsch nach 1945. Vertriebene und Kriegsgefangene wünschen sich vielmehr in der Zeit zurück, so dass der zweite große Themenkreis des Schlagers die "Heimat" ist – bevorzugt in der ländlichen Idylle. Friedel Hensch besingt 1953 Die Försterliesel", während Die Heimatsänger Die Köhlerliesel bevorzugen.

Einer der ganz Großen der Nachkriegszeit bringt das Spannungsverhältnis zwischen "weg" und "hier" auf den Punkt: Freddy Quinn. Sein Lied Heimweh wird 1956 zur meistverkauftesten Schallplatte und befördert den Seemann aus dem Stand zum nationalen Sehnsuchtsbeauftragten. Denn eigentlich will man weg (Unter fremden Sternen). Kaum ist man dort, vermisst man Mutti (Junge, komm bald wieder). Also wohin nun?

Das Wunder der Wirtschaft

Vielleicht ja doch dableiben: Das Wirtschaftswunder macht die BRD deutlich attraktiver. Mit den Jahren steigt die Stimmung an der Schlagerfront. Mit dem Rock'n'Roll treten die Jungen auf die Bühne: Bill Haley und Elvis hatten in Deutschland weniger zu melden, als man heute meinen möchte. Das besorgen Peter Kraus, Conny Froebess mit Blue Jeans Boy und Ted Herold, zum Beispiel mit Ich bin ein Mann.

Doch egal, ob fern, ob nah Rock'n'Roll oder Schlager: Getextet wird er sorgfältig, der Nachkriegsschlager, und es kommt zu linguistischen Höhepunkten, die seine Nachfolger noch selten erreichen werden: "Ja, ja, in Spanien, da gibt es Mädchen, / die sind noch frischer als frische Brötchen" heißt es 1950 bei Heinz Woezel, und Bill Ramsey reimt Zuckerpuppe auf "Bauchtanzgruppe". Ferne Zeit! (cb)

Weiter Meister dieser Strömung sind:

René Carol, Detlev Lais, Lale Andersen, Gerhard Wendland, Gitta Lind, Richard Germer, Lolita

Ein paar Alben mit Schlüsselqualitäten:

Various Artists: Das waren Schlager [1988]
Various Artists: Wer soll das bezahlen? [1990]
Freddy Quinn: Heimweh [2006]
Bruce Low: Schlager Hits der 50er [2010]
Margot Eskens: Margot Eskens [2011]
Peter Alexander: Sing mit Peter - 25 seiner schönsten Duette [2011]
Friedel Hensch und die Cyprys: Die HIts der Goldenen 50er [2011]
Gus Backus: Da sprach der alte Häuptling der Indianer [2011]

Interesse geweckt?
Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um die Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Überleben in Spielmannszügen (Marsch), It Don't Mean A Thing... (Swing), Das Gedächtnis des Schlagers (Evergreen). (cb)