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Mittelalter-Rock
In einer Zeit vor unserer Zivilisation

 

Die Sehnsüchte des Mittelalter-Rock

Der Erfolg der Mittelalter-Szene mit ihren Märkten und Festen hat einen zusehends beliebten Musikstil hervorgebracht: Bands wie Ougenweide, Schandmaul oder Corvus Corax spielen Mittelalter-Rock als Mix der Instrumente vergangener Tage und den Synthesizern und E-Gitarren von heute.

Die Gesellschaftswissenschaften sprechen von der "Lebenswelt": Die alltäglichen Gebräuche, die Riten und Feste, was die Leute essen und wie sie sich kleiden, all das zusammen macht am Ende die Lebenswelt. In West-Deutschland kommt im Verlauf der 1970er Jahre eine Szene auf, die sich begeistert für das Mittelalter und seine Lebenswelt. Das Folk-Revival hatte generell für ein Interesse der Pop-Kultur an vergangenen Zeiten gesorgt, insbesondere britische Bands entfachten eine Welle der Nostalgie. So hatten Fairport Convention die Sagenwelt Britanniens wieder aufleben lassen, und Clannad orientierten sich an der keltischen Folklore.

In der BRD wie auch in der DDR indes spiegelt sich das Folk Revival vor allem im Auftauchen der Liedermacher wider. Sie interessieren sich stark für das politische Geschehen in ihren Staaten. Erst mit Gruppen wie Ougenweide aus Hamburg tritt die in den 1970ern fast noch mikroskopisch kleine Mittelalter-Szene so langsam ans Tageslicht. Bereits der Name ist einem Gedicht des Minnesängers Neidhart von Reuenthal entnommen, und neben eigenem Lied- und Textgut interpretiert die Gruppe um Olaf Casalich und Stefan Wulff auch vor-, früh-, haupt- und spätmittelalterliche Werke. Das Spektrum reicht von den Merseburger Zaubersprüchen, die zu den ältesten erhaltenen Schriftdokumenten des Deutschen gehören, über die Gesänge Walther von der Vogelweides bis hin in die Gegenwart.

Nach der Vereinigung der beiden Staaten BRD und DDR erfährt die gesamte Mittelalter-Szene einen enormen Aufschwung. Bands wie die Inchtabokatables aus Berlin oder die Potsdamer Subway To Sally peppen ihren harten Rock unter anderem mit mittelalterlichen Melodien oder Instrumenten wie Schalmei, Marktsackpfeife, Drehleier oder Blockflöten auf. Im Verlauf der 1990er boomt diese Musik mit der gesamten Nostalgie für jenes Zeitalter vor unserer Zvilisation: Einst völlig im Underground agierende Bands wie Corvus Corax im Osten und Ougenweide im Westen gehören inzwischen zu den Institutionen einer Musik, die mit den Bands In Extremo und Schandmaul längst im Mainstream angekommen ist.

Ein ähnliches Interesse ist bis heute im anglo-amerikanischem Raum nicht aufgetaucht: Möglicherweise erfüllt hier der Celtic Rock mit Bands wie Runrig oder der ewig lebende Irish Folk mit seinen The Pogues und Dubliners vergleichbare Sehnsüchte nach einer Lebenswelt ohne Bürokratie, Fabrikproduktion und digitaler Kommunikation.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Die Schnitter, Vroudenspil, Suidakra, Haggard, Ingrimm, Cultus Ferox, Vermaledeyt

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Ougenweide: Ougenweide [1973]

Corvus Corax: Inter Deum Et Diabolum Semper Musica Est [1992]

In Extremo: Verehrt und angespieen [1999]

Tanzwut: Labyrinth der Sinne [2000]

Schelmish: Aequinoctium [2003]

Subway To Sally: Nord Nord Ost [2005]

Faun: Totem [2007]

Schandmaul: Traumtänzer [2011]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um alle Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Urahn des Songs (Irish Folk), Das Arbeitslied der Küsten (Shanty) oder Das Theater des Bösen (Heavy Metal).