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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

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Karneval
Von der Militärparodie zur Samba

 

Der Karneval und seine Musik

Seit den ersten Rosenmontagszügen zu Beginn des 19. Jahrhunderts persifliert der Rheinische Karneval das Militärische. Das zeigt auch der Narhallamarsch, der 1843 über einen Militärkapellmeister zur Mainzer Karnevalsgesellschaft gelangt. Im 20. Jahrhundert kommen die überregionalen Evergreens vor allem aus Köln: Einmal am Rhein von Willi Ostermann, Wer soll das bezahlen? von Jupp Schmitz oder Die Karawane zieht weiter von den Höhnern. Gegen Ende des Jahrhunderts ziehen immer neue Musiken in den Karneval ein.

Jetzt wird wieder Karneval gefeiert, vor allem in den katholisch geprägten Regionen der Bundesrepublik. Wenn auch die Zeit des Winterkehraus schon vor Christus ihre Rituale hat: Die großen Züge von Köln, Düsseldorf und Mainz gehen alle auf das frühe 19. Jahrhundert zurück. 1823 ziehen die ersten Narren an einem Rosenmontag durch Köln, zwei Jahre später folgt Düsseldorf, dreizehn Jahre später Mainz. Schon der Zug erinnert an die Parade des Militärs, ähnlich ist es mit Gardeuniformen und Marschmusik.

Und richtig: Die ersten Karnevalsumzüge persiflieren die militärischen Bräuche der Preußen und Franzosen - als Sinnbilder der Herrschenden schlechthin. Auch der Narhallamarsch, der in unzähligen Kappensitzungen den Einzug der Narren und Närrinnen begleitet, kommt über das Militär in den Karneval. Er stammt aus der Feder des französischen Komponisten Adolphe Adam (1803 - 1856). Adam schreibt den Marsch im Jahr 1838 für seine Oper "Le Brasseur de Preston". Ein in Mainz stationierter Militärkapellmeister aus Österreich greift 1843 auf eine Melodie aus dieser Oper für seinen "Jocus-Marsch" zurück. Dieser Marsch schließlich gefällt der Mainzer Karnevalsgesellschaft derart gut, dass sie ihn für Sitzungen übernimmt und närrisch umbenennt.

Die Mainzer Tradition lebt heute in einem der größten Umzüge der Republik fort. Auch laden die vereinigten Mainzer Karnevalsgesellschaften alljährlich zur meist gesehenen TV-Kappensitzung: Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht. Tradition hat da schon der Auftritt der Mainzer Bänkelsänger. Das Duo aus der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz singt Klassiker der rheinischen Fastnacht wie Ui-Ui-Ui,Au-Au-Au ebenso wie das lokalpatriotische Määnz bleibt Määnz.

Die meisten überregionalen Hits kommen indes aus Köln am Rhein. Klaaf un Tratsch auf Kölsche Art lautet das Motto der Session 2002/2003, in diesem Jahr zum letzten Mal vertont von Marie Luise Nikuta, der Mottolieder-Instanz. Gleich zwei Narrenaktivisten hat man in Köln bereits ein Denkmal gebaut: Mit Liedern wie Einmal am Rhein wird Willi Ostermann zum bedeutenden Komponisten der Rhein-Romantik in den 20er Jahren, doch Evergreens wie Kutt Erop!bezeugen auch seine Gabe für Millieuschilderungen. Jupp Schmitz schließlich ist verantwortlich für absolute Karneval Klassiker: Wer soll das bezahlen?, Wir kommen alle in den Himmel oder Am Aschermittwoch ist alles vorbei entstehen allesamt zu Beginn der 50er Jahre. Das Erbe von Ostermann und Schmitz wird heute fortgeführt von den Paradekölnern Bläck Föös mit Mer Losse D'r Dom in Kölle oder den Höhnern mit Die Karawane zieht weiter.

Die Alemannische Fastnacht dagegen, wie sie im Süddeutschen Raum und in der Schweiz zelebriert wird, ist weniger an Tonträger gebunden. Mit ihren Hexen- und Dämonemasken und der lauten, trommelbetonten Guggen Musik haftet ihr bis heute das heidnische Ritual der Vertreibung des Winters an. Mittlerweile kann man jedoch in der gesamten Republik die archaischen Trommelgruppen besichtigen.

Überhaupt vervielfältigen sich seit den 50er Jahren die Feierformen. Auf vielen Kontinenten wird schließlich Karneval gefeiert, in New Orleans etwa der Mardi Gras, in London der Nottting Hill Carnival und in Rio de Janeiro der Carnival do Brazil mit seinen Sambagruppen. Im Grunde ist deshalb nicht nur der seit 1996 in Berlin statt findende Karneval der Kulturen ein Schaulaufen weltweiter Feierweisen. Samba, Calypso, Rock haben ja auch schon im traditionellen Karneval Fuß gefasst: Selbst Ex-Punks wie Die Toten Hosen nehmen 1996 an einem Umzug teil, und zwar in der dritten Hochburg Rheinischer Narretei: in Düsseldorf. Da, wo sie laut Altbierlied"die längste Theke der Welt" haben.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Mukeköpp, Pelzchappni, Böllni Guggä, Toni Hämmerle, De Paveier, Die 3 Colonias, Die Drei Köbesse

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Verschiedene: Rough Guide To Samba [1982]
Bläck Föös: Mer Losse D'r Dom in Kölle [1988]
Jupp Schmitz: Wer soll das bezahlen? [1994]
Verschiedene: Mardi Gras Time [1998]
Verschiedene: Wolle Mer 'n Roi Losse [2001]
Verschiedene: Guggen Musik Party [2000]
Verschiedene: Carnival der Kulturen Vol. 2 [2002]
Höhner: Die ersten 30 Jahre [2002]
Mainzer Bänkelsänger: Die Mainzer Bänkelsänger [2002]