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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

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Imitatoren
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Die Kunst der Imitation

Das Imitieren gehört zum Schauspiel-Handwerk. Vom Ansinnen des Kabaretts, es mit den Mächtigen aufzunehmen, verlagert sich das Imitieren mittlerweile in die Comedy. Statt der Politiker geraten damit zunehmend die Unterhaltungs-Promis in den Fokus der Imitatoren. Mathias Richling kann Merkel. Matze Knop kann Kahn.

Schon zu feudalen Zeiten war es dem Hofnarren gestattet, Eigenarten seines Herrschers auf's Korn zu nehmen. Sicher waren die Possen der Kappenträger nicht mit der Systematik vergleichbar, mit der heutzutage die Herrschenden imitiert werden. Um in der Mediengesellschaft Aufmerksamkeit zu erregen, bedarf es eines minutiösen Mimik- und Gestenstudiums. Doch gewiss ist: Die Kunst der Imitation hat sich in der bürgerlichen Gesellschaft erhalten. Zunächst durch das Kabarett, und schließlich durch die Comedy.
Durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch zieht sich dieses elementare Handwerk der Schauspielkunst. Zunächst stärker in Theater und Film anzutreffen, wo berühmte Königinnen und weitere historische Figuren nun einmal dargestellt werden müssen, hält die Imitation besonders in den westlichen Demokratien nach dem Zweiten Weltkrieg Einzug in die Kabaretts. Mit dem Kleinkunst-Boom der 1960er Jahre wird in der Münchener Lach- und Schließgesellschaft oder dem Kommödchen der Samen dessen gesät, was später in Form des einen hochbegnadeten Imitatoren unter den politischen Kabarettisten aufgehen wird: Bei Mathias Richling stimmen Timing und Beobachtung. Dazu gelingt es dem 1953 bei Stuttgart geborenen Richling, seiner Angela Merkel, seinem Guido Westerwelle einen Subtext mitzugeben: Bis hin zum philosophischen reichen diese Interpretationen dessen, was uns die Kanzlerin und der Vizekanzler zu sagen haben.

Wie ein Gewürz

Durch TV-Sendungen wie Zwerch trifft Fell oder "Scheibenwischer" hat der Kabarettist so einen festen Sendeplatz für seine Darstellungen von Bundespräsidenten oder Gesundheitsministerinnen erwirkt. Nach dem Fall der Mauer war es in den neuen Bundesländern vor allem Schauspieler Uwe Steimle, der mit Impersonationen berühmt wurde. Besonders bekannt sind seine Reden als E.H. geworden. Hinter diesen Initialen steckt Erich Honecker, der langjährige Staatsratsvorsitzende der DDR.
Ähnlich wie beim Sachsen Steimle, der auch als "Polizeiruf 110"-Komissar bekannt wurde, sitzt Harald Schmidt am Relais zwischen Kabarett und Unterhaltung. Beide können beides. Zwar hat der Talkshow-Moderator und Schauspieler Schmidt nie systematisch ein Imitationsprogramm erarbeitet, doch nutzt er die Impersonation als Stilmittel. Legendär etwa sein plötzliches Verfallen in das selbstgefällige Expertengerede eines Franz Beckenbauers oder von Theater-Alphamännchen Claus Peymann.
So dient das Imitieren bekannter Persönlichkeiten dem Altmeister Schmidt wie ein Gewürz, mit dem er etwa Übergänge in einer Show so richtig pikant macht.

Promis statt Politik

In der Comedy, jenem leichtmusigen Kabarettformat des Privatfernsehens, nimmt das Imitieren einen fundamentalen Stellenwert ein. Ganze Erfolgsserien fußen auf Darstellungen von Politikern, vor allem aber von Prominenten aus der Entertainment-Branche. Die Bullyparade wäre schließlich undenkbar ohne jene Imitationen von Karl May- oder Raumschiff Enterprise-Figuren, aus denen Michael "Bully" Herbig schließlich noch ganze Filmstoffe entwickeln sollte.

Auch die Serien Ladykracher und Switch Reloaded wimmelten vor einem Promi-Sammelsurium. Ein Matze Knop schließlich scheint einfach alles zu können. Berühmt geworden als Luca Toni und Franz Beckenbauer, rasselt sich der 1974 in Lippstadt geborene Imitator mit Hörfunk-Ausbildung in immer neue Rollen: Oliver Kahn, Reiner "Calli" Calmund oder Bayern-Trainer Luis van Gaal.
Immer findet sich Matze Knop derart in seine Figuren rein, dass er selbst Talkshow-Auftritte als eine seiner Personae nicht scheut. Bekannte Namen, dargestellt mit ihren sympathischen Macken: Das macht Quote. Und unterhält.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Jörg Hammerschmidt, Björn Pfeffermann, Ingolf Lück, Max Giermann, Simone Solga, Jens Wendland, Kaya Yanar, Bernhard Hoecker

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

E.H.: Seine Großen Erfolge [1995]
Mathias Richling: Zwerch trifft Fell 1 [2005]
Hape Kerkeling: Wieder auf Tour - LIVE [2007]
V.A.: Da machste was mit. 100 Jahre Kabarett 4. 1970 - 2001 [2007]
V.A.: Comedy Kings - Bullyparade [2008]
Matze Knop: Operation Testosteron Live [2009]
Switch Reloaded: Die Box [2009]
Anke Engelke: Ladykracher - Staffel 5 [2010]

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